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Stefano Panunzi: Caravaggio (Review)

Artist:

Stefano Panunzi

Stefano Panunzi: Caravaggio
Album:

Caravaggio

Medium: Download/Do-CD
Stil:

Progressive Rock, Art Rock, mystischer Kunst Prog

Label: Emerald Recordings/Just For Kicks
Spieldauer: 155:11
Erschienen: 19.06.2026
Website: [Link]

„Warum Caravaggio? Weil seine Chiaroscuro-Effekte, die hier in Klängen zum Ausdruck kommen, Gemütszustände beschreiben, die von Verzweiflung, quälender Liebe, Krieg, der Suche nach sich selbst und Leid geprägt sind. Man kann sich der Musik als einer Form des Exorzismus, der Reinigung und der Befreiung hingeben. Ich würde gerne wie Caravaggio sein und mich in der Musik wiederfinden, die ich komponiere.“ (Stefano Panunzi unter seiner bandcamp-Seite und im 28-seitigen Booklet zu seiner aktuellen Doppel-CD zum Barock-Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio)

Ist das nun Liebe – oder was ist das?
Diese Frage verarbeitet in einem gut sechsminutigen Instrumental, das einem DAVID SYLVIAN bzw. JAPAN auch nicht besser und atmosphärischer hätte gelingen können, scheint zugleich der Schlüssel zu „Caravaggio“, wohl zugleich auch Schlüssel-Album für STEFANO PANUNZI, zu sein.


Da heutzutage ja jeder Arsch, wenn er nur laut genug drei Pupse in eine bestimmte Richtung gelassen hat, als 'Experte' gilt, will ich mir nicht anmaßen, mich nun nach dem Lesen einer deutschen und einer englischen Caravaggio-Biografie und dem ausführliche Betrachten aller seiner Bilder, auch als einen 'Experten' zu bezeichnen. Oh nein, ich war einfach im Vorfeld dieser Review nur neugierig darauf, was STEFANO PANUNZI wohl dazu angeregt hat, ein ganzes Doppel-Album zu einem italienischen Maler des Mittelalters, der mir bis dato gänzlich unbekannt war, herauszubringen bewegte und im Vorfeld klar und deutlich den Wunsch: „Ich würde gerne wie Caravaggio sein und mich in der Musik wiederfinden, die ich komponiere“, zu äußern.


Könnte es gelingen, Panunzis Faszination für Michelangelo Merisi da Caravaggio auf mich zu übertragen?
Oh ja, es konnte – denn dieser Typ ist als Mensch und Maler bestes Beispiel und Beweis dafür, dass 'Genie und Wahnsinn Hand in Hand gehen'.
Gerade das wirkt in Kunst und Musik sofort ansteckend.
Gleiches gilt für Caravaggios Bilder (mal ganz von der realistischen Maltechnik und besagtem Chiaroscuro-Effekt abgesehen), auf denen nicht nur die oft erschütternd traurig erscheinenden Personen auffallen, sondern auch, dass diese einen niemals als Betrachter entgegenblicken. Sondern immer augenscheinlich ins Leere schauen, so als wären sie abwesend, gar schüchtern oder verunsichert. Also: das komplette barocke Gegenteil der Mona Lisa, die im Rahmen der Renaissance ja zur fast gleichen Zeit entstand – und die einen, wohin man sich auch bewegte, immer mit den Augen zu verfolgen scheint.


Der Malstil von LEONARDO DA VINCI und Caravaggio ist ähnlich, die Blickrichtungen der Personen auf den Bildern allerdings komplett unterschiedlich. Daher wird gerade ein allem abgewandter „Caravaggio“ für den Progressive Rock auch viel interessanter als ein allem zugewandter Da Vinci, weil der Progrock nur zu gerne für sich den (manchmal in extreme Überheblichkeit abrutschenden) Anspruch erhebt, weit weg vom Mainstream sein komplex-geheimnisvolles (und mitunter sehr schwer zu verstehendes) Musik(er)-Eigenleben zu führen, das im Grunde ganz große Kunst, aber auch sehr schwer zu verstehen ist und abgehoben oder 'abgewandt' wirkt.

Gerade unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist STEFANO PANUNZI mit „Caravaggio“ ein kunstübergreifendes kleines Meisterwerk gelungen – ähnlich wie es Carvaggio mit seinen extrem umstrittenen „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ gelang.


Nun ja, man sollte sich, bevor man sich dieser ambitionierten Doppel-CD völlig hingibt und als Prog-Freigeist ganz bestimmt von ihr gefangen genommen wird, ein wenig Geschichte und Kunstgeschichte auskennen, um tatsächlich zu verstehen, mit welch gewagter und herausfordernder Absicht Panunzi an diesen klangmalerischen CD-Doppeldecker „Caravaggio“ herangegangen ist, der das Leben und die ungewöhnliche, fast fotorealistische Malerei des Barock-Künstlers Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) zum Thema hat, der für den Einsatz des sog. 'Chiaroscuru Effekts' (also die starke Hell-Dunkel-Kontrastierung zwischen Licht und Schatten) bekannt ist, wobei viele ganz sicher seine unglaublich emotionale Darstellung des Kopfes der Medusa kennen werden, die einen intensiv an Courbets „Der Verzweifelte“ erinnert.

Da bedrückt vorab, dass ein Landesgenosse und Musiker wie der italienische Keyboarder STEFANO PANUNZI einem in seinem Werk einen Maler nahebringt, den man selber bisher noch gar nicht auf seinem Schirm hatte. Also erstmal einen Bildband von dem arg provokanten und umstrittenen Michelangelo Merisi da Caravaggio bestellt, um sich von dessen Bildern einen eigenen Eindruck zu machen, bevor man sich intensiv der musikalischen Panunzi-Interpretation hingibt. Und genau diese 'Vorfeldarbeit' lohnt sich, denn die Bilder sind beachtlich und bewundernswert und oft provokant, wenn man genau hinschaut. Gleiches gilt für das progressive musikalische Werk von STEFANO PANUNZI und der Unmenge seiner musikalischen Gäste auf „Caravaggio“.

Vom Mittelalter inspirierter beginnt „Caravaggio“ mit akustischer Gitarre noch sehr verhalten, wobei sehr auffällig der Gesang von Grice ist, der im Bowie-Stil in die Rolle des Caravaggio zu schlüpfen scheint, während besonders David Torn – der ja auch einen DAVID BOWIE zu Lebzeiten begleitete – für die zusätzliche Atmosphäre sorgt. Denn auch ein Bowie und ein Caravaggio wären sicher Brüder im künstlerischen Geiste gewesen, besonders wenn man Bowies letztes „Blackstar“-Album betrachtet.

Oder das fantastische „No More Wars“, das Panunzis pazifistische, jegliche Form von Gewalt und Kriegen ablehnende Seite offenbart, die sich gegen alle Kriegstreiber und Machthaber richtet, welche als Mittel zum Machterhalt auf Kriege zurückgreifen. Echt stark getextet – und von Alessandro Borgo Caratti gesungen so wie auch „Just Stop And Look Around“, das dem extrem finsteren Instrumental „Hymn“ folgt und dabei einen fast sonnigen Eindruck hinterlässt. Das hat natürlich System, auch bei Panunzi, der eben diesen Chiaroscuro-Effekt, das Hell-Dunkel-Geheimnis der Bilder auf ähnlich Art mit seiner Musik 'malt'.


Genau dieses System setzt sich bei Panunzi darin fort, dass ein konsequenter Wechsel zwischen Songs mit Gesang und Instrumentalstücken in abwechselnder Reihenfolge angeordnet wird, sodass besagtem „Just Stop And Look Around“ ein vom Saxophon und der VAN DER GRAAF-Aura geprägtes „Don't Touch Me“ folgt, bei dem Theo Travis am Gebläse tatsächlich Grandioses leistet und einem David Jackson alle Ehre macht.
Ekstatisch und finster anmutender – etwas an TOYAH erinnernder – Gesang von Elisabetta Todrani setzt dann punktuell „Ink Scars“ fort: „Love me in the dark / With my love, with my ink, with my scar / Love me in the dark / With my love, with my pain, with my scar......“
Eine Seite, die „Caravaggio“ als Künstler und Menschen gelungen charakterisiert und die Leistungen von Panunzi als Komponisten deutlich hervorhebt, bis dann die erste CD voller Melodramatik – nur mit einem Cello und Keyboards instrumentiert – ihrem Ende entgegenstrebt.


Doch diese beiden Sänger sind beileibe nicht die einzigen auf diesem kreativen, dunklen Album. Da kommen noch Sänger von gleichermaßen hervorragendem Kaliber ans Mikro: Grice, Tim Bowness, Jakko M Jakszyk und 05Ric. Allesamt eine ideale Wahl, da deren Stimmen ähnlich wie besagter Hell-Dunkel-Chiaroscuro-Effekt klingen.
„Hold“ ist auch hierfür ein unbeschreibliches Beispiel, denn wer bei dem von Grice gesungenen Song nicht glaubt, dass ein DAVID BOWIE gemeinsam mit DAVID SYLVIAN seine vokale Auferstehung wiederfeiert, der sollte sich einfach noch einmal seine (hoffentlich in seiner Plattensammlung befindliche) „Blackstar“-LP zur Hand nehmen.


So malt Panunzi sein ganz eigenes Bild über den Barock-Maler „Caravaggio“ auf zwei CDs und in sage und schreibe 155 Minuten.
Ein echtes Monumentalwerk – nahe am Triptychon, auch wenn diesbezüglich noch ein Teil fehlt. Der Pinsel von STEFANO PANUNZI ist sein Keyboard, das er es genauso geschickt mit hellen und dunklen Tonfarben bearbeitet, wie Caravaggio seinen Pinsel im Mittelalter über die Leinwand schwang.


Caravaggio“ ist wie ein Soundtrack zu keinem Film, sondern zu Gemälden, der einerseits das Spätgotische eines HIERONYMUS BOSCH genauso verewigt wie den (bei genauem Betrachten) brutalen Barock-Impressionismus eines Michelangelo Merisi da Caravaggio oder die Schönheit von Da Vincis Mona Lisa.

Natürlich müssen es darum zwei CDs sein – nämlich eine helle und eine dunkle, um mit Klängen die Faszination des „Caravaggio“-Malstils wiederzugeben und zugleich dessen komplette innere Zerrissenheit, die niemals auf den ersten Blick (auf seine Bilder) zum Ausdruck kommt, garantiert aber auf den zweiten, deutlich genaueren und dabei oft verängstigenden. „Caravaggio“ klingt wie die Reise durch das Gehirn eines Malers, dessen von Gilles Lambert verfasste Biographie im Taschen Verlag genau mit diesen Worten beginnt: „Seine Malerei war skandalös, sein Leben nicht weniger“.


Am Ende entdeckt man im 28-seitigen (!!!), in bestem Caravaggio-Stil gestalteten und mit allen Texten versehenen Booklet auch noch ein Bild von STEFANO PANUNZI so gemalt, als hätte er für Caravaggio Modell gestanden mit einem düsteren, etwas abwesenden Blick, der trotzdem einen kleinen 'Fehler' enthält. Denn Panunzi blickt uns offensichtlich an und fesselt einen hierbei fast. Macht gar eine schlechtes Gewissen. So als trüge er die ganze Last dieser Welt auf seinen Musikerschultern (Übrigens ist das Bild im Video zu „Endless“ zu sehen!). Ähnlich wie ein Caravaggio auf seinen Malerschultern. Hier schließt sich der Kreis zwischen Panunzi und seiner riesigen Musiker-Gästeschar sowie Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) endgültig. Und ja: STEFANO PANUNZI darf sich ab sofort gerne zugute halten, dass er ganz ähnlich klingt wie ein „Caravaggio“ malt(e)!


FAZIT: STEFANO PANUNZI will so komponieren und musizieren, wie einst im Mittelalter Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) seine Kunstwerke malte und der durch eine besondere Technik das faszinierende Spiel zwischen Hell und Dunkel in seinen barocken, fast fotorealistischen Bildern zum Ausdruck brachte. Ein Maler, der in seinem Leben und seinen Bildern als skandalös galt, aber trotzdem von allen gesellschaftlichen Schichten für seine Kunst bewundert wurde. Ähnliche Bewunderung sollte man unbedingt auch dem italienischen Keyboarder nach diesem Opus Magnum mit über 155 Minuten Laufzeit entgegenbringen, das er mit einer Vielzahl von Gastmusikern und Gastsängern einspielte, um den „Caravaggio“-Geist auf eine ganz neue, höhere musikalische Ebene zu hieven. Unbedingt in Verbindung mit den Bildern von Caravaggio hören. Die Wirkung ist hypnotisch. Mystischer Kunst-Prog!

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 98x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 14 von 15 Punkten [?]
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Tracklist:
  • CD 1 (75:51):
  • Caravaggio
  • I No Longer Know Who You Are
  • Hidden Ties
  • On The Forgiveness Road
  • No More Wars
  • Every Drop Of Your Love – Reprise
  • Isolation
  • Hymn
  • Just Stop And Look Around
  • Don't Touch Me
  • Ink Scars
  • In Those Your Words
  • CD 2 (79:20):
  • The Well
  • If It's Not Love, What Is?
  • Endless
  • Stepping Out Of Your Dream
  • Simple Man
  • Tribal Innocence – Part 2
  • I Cry For Love
  • Hold
  • Lost Inside The Wishing Well
  • Breathing The Thin Air
  • Sea Of Madness
  • Gaza

Besetzung:

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