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Interview mit HELVITNIR (19.04.2026)

HELVITNIR

Ihre Musik ist so grimmig wie das Antlitz des Zähne bleckenden Wolfs, welcher die Unterwelt der Totengöttin Hel bewacht. Somit liegt ein Albumtitel wie "Wolves Of The Underworld" für das norwegisch-schwedische Black-Metal-Ensemble HELVITNIR ganz natürlich auf der Krallen-bewehrten Pfote. Rund ein Jahr nach dessen Veröffentlichung reflektiere ich mit Gitarrist Ihizahg das bisherige Geschehen.

Hallo und vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, über den Aufstieg von HELVITNIR zu sprechen! Euer Debütalbum "Wolves Of The Underworld" ist vor einem Jahr erschienen und hat es verdient, nicht nur von den Verstorbenen in Helheim gehört zu werden, sondern sollte auch alle sterblichen Hörer von entschlossenem nordischem Black Metal ansprechen, die dessen traditionelle Rauheit zu schätzen wissen. Ist es angemessen, HELVITNIR als eine Band von Veteranen vorzustellen, die sich immer noch nicht von den Flammen eines Feuers abwenden können, das vor mehr als 30 Jahren entfacht wurde?

Hallo Thor, zunächst einmal vielen Dank für das Interview. Wir halten es nicht für selbstverständlich, dass sich jemand für unser Schaffen interessiert, umso mehr wissen wir das wirklich zu schätzen. Ja, man kann uns mittlerweile wohl als Veteranen bezeichnen. Die meisten von uns zählen seit den frühen Neunziger Jahren zur Szene und sind seitdem mehr oder weniger aktiv in der einen oder anderen Band. Es ist nicht so einfach, die „Waffen“ niederzulegen, wenn einem die Musik im Blut liegt. Als ich Vater wurde, versuchte ich es ein paar Jahre, doch ich merkte schnell, dass etwas fehlte. Als sich wieder die Gelegenheit bot, habe ich sie ergriffen. Es ist zu einem Lebensstil geworden, und Musik ist fast so wichtig wie Wasser und Essen.

Fasst man die Rezensionen zusammen, die ich bisher gelesen habe, kann man sagen, dass HELVITNIR sowohl Lob als auch Kritik eingeheimst hat, weil Ihr an einem – manche sagen engen, manche sagen kompromisslosen – traditionellen Stil festhaltet, der sich an norwegischen und schwedischen Bands orientiert. Ich muss sagen, dass ich vor allem jene Details wertschätze, die eine gewisse Abwechslung in Spiel bringen, z. B. die klaren Gesangslinien, die Midtempo-Passagen und die Hörbarkeit des Basses, quasi als Sahnehäubchen auf Melodien, die nicht mit Überraschungen überladen sind. Ich schätze, dass Ihr, mit diesem soliden Debüt im Gepäck, nun dabei seid, den individuellen Sound von HELVITNIR zu schärfen?

Ich kann nicht sagen, dass die Kritiken falsch liegen. Es ist im Grunde eine Frage des persönlichen Geschmacks. Wir haben unseren Hintergrund und eine Vorstellung davon, wie unsere Musik klingen soll. Wir schreiben diese Musik für uns selbst. Wenn euch unsere Musik gefällt, ist das ein Bonus. Wie Fenris einmal sagte: "Manche Leute backen Kuchen, doch auch von Kuchen hat man irgendwann genug. Wir backen Vollkornbrot." Ich denke, wir liegen irgendwo zwischen Kuchen und Vollkornbrot. Vielleicht Vollkornbrot mit einer leichten Prise Puderzucker? (lacht) Ich persönlich bin eher ein Fan von guten Songs, und die müssen nicht besonders innovativ oder abwechslungsreich sein, solange sie eine gewisse Qualität haben und gut durchdacht sind. Wir investieren keine Mühe und Zeit in etwas, das sich für uns nicht natürlich anfühlt. Wir haben gesagt, dass es uns scheißegal ist, was andere denken, und dass wir unser Ding machen. Falls eines Tages eine Mandoline in unserer Musik benötigt werden sollte, werden wir sie verwenden.

Wir befinden uns gerade mitten in der Arbeit an einem neuen Album. Es wird wahrscheinlich ein bisschen anders klingen als das Debüt. Bisher tönt das Material deutlich rauer und majestätisch.

Vor der Veröffentlichung von "Wolves…" habt Ihr auf YouTube eine Dokumentation veröffentlicht, die den Aufnahmeprozess zeigt, der größtenteils in Deiner Hütte stattfand, die offensichtlich von inspirierenden Landschaften umgeben ist. Was hat es Euch bedeutet, Musik an diesem Ort aufzunehmen, mit Blick auf die Berge und den Nebel, bei Spaziergängen auf diesen schönen Trampelpfaden, und mit dieser Freiheit – habt Ihr manchmal auch eine helfende Hand bzw. einen Produzenten vermisst, der nicht Teil der Band ist und vielleicht einen objektiveren Ansatz einbringen kann?

Es war eine sehr gute Entscheidung, in meine Hütte zu fahren, um dort aufzunehmen. Wir waren voll und ganz auf unsere Arbeit konzentriert, hatten allerdings gleichzeitig auch die Ruhe, die wir für einen angenehmen Aufenthalt brauchten. Ich hatte alles im Voraus geplant, also brachten wir einen Anhänger mit der gesamten Ausrüstung und den Lebensmitteln mit, die wir brauchten, unter anderem 60 Eier…

Wir hatten lange Tage. Wir fingen gegen zehn Uhr morgens an und hörten erst um zwei Uhr nachts auf, daher stellten unsere Ausflüge in die Berge notwendige Pausen dar. Wenn wir Probleme hatten, rief ich Florian von Nightside Audio in Deutschland an. Er war sehr hilfsbereit bei der Lösung unserer Probleme. Im Nachhinein denke ich, dass es schön gewesen wäre, wenn er vor Ort gewesen wäre, um die Aufnahme selbst zu begleiten. Wir haben danach tatsächlich darüber gesprochen, dass er das nächste Mal mitkommen sollte, wenn es möglich wäre. Man wird ein bisschen taub gegenüber Fehlern und Schlamperei, wenn man so lange dasitzt und alles selbst erledigen muss. Nun ist die Aufnahme ziemlich gut geworden, doch ich hatte hinterher das Gefühl, dass diese Bedingungen ihren Tribut gefordert haben. Mal sehen, was wir beim nächsten Album anstellen, doch wir möchten dem Trubel des Alltags entfliehen, also wird es wohl, wenn wir es hinbekommen, eine weitere Session in der Hütte geben.

Eure Dokumentation spiegelt auf einfühlsame Weise die Natur der Musik wider, die von Menschen mittleren Alters aufgenommen wurde, die für diese traditionelle Spielart des Black Metal immer noch ihre Hände – statt "KI" – gebrauchen. Letztendlich ist es doch viel besser, über die eigene gelegentliche Ungeschicklichkeit zu lachen, als "perfekte" Musik zu verbreiten, die von irgendwelchen Algorithmen geschaffen wurde?

Uns geht es vor allem darum, uns durch Musik auszudrücken. In unserer Jugend haben wir stundenlang an unseren Instrumenten gesessen und gelernt, was wir brauchten, um uns musikalisch auszudrücken – daher kommt der Einsatz von KI für uns überhaupt nicht in Frage. Ansonsten könnten wir genauso gut aufgeben. Der Dokumentarfilm, den wir gedreht haben, zeigt alles. Wir sind, wie du sagst, Männer mittleren Alters, und genau deshalb müssen wir auch niemand anderem noch irgendetwas beweisen. Wir haben es satt, die Harten zu spielen. Wir sind ganz wir selbst, mit all unseren Fehlern. Ich glaube, man kommt weiter, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt und Ironie zulässt. Wenn es um die Musik an sich geht, kann man trotzdem verdammt ernst zu Werke gehen. Das ist es, was zählt.

Ihr habt HELVITNIR zum ersten Mal beim Hellbotn Metal Fest 2025 auf die Bühne gebracht, und den Live-Clips nach zu urteilen, war das ein kraftvoller Einstand. Wie hat sich diese Erfahrung auf Eure Wahrnehmung der einzelnen Songs ausgewirkt – gibt es "neue" Favoriten, oder Stücke, die Eurer Meinung nach für kommende Gigs noch etwas überarbeitet werden sollten? Und hat dieser Auftritt den Songwriting-Prozess inspiriert?

Hellbotn war eine wirklich tolle Erfahrung für uns. Die Leute vom Festival waren tatsächlich die Ersten, die schon vor der Veröffentlichung des Albums Interesse an uns gezeigt hatten, und die sich deshalb ein dickes Dankeschön verdient haben!

Natürlich gab es einige Songs, die uns beim Spielen besonders gut von der Hand gingen. Wir haben Aufnahmen von den meisten Songs, und es macht Spaß zu sehen, dass die Songs, die uns am besten gefallen haben, auch diejenigen waren, die beim Publikum am besten ankamen. Es gibt einige Songs, bei denen wir das Gefühl hatten, dass sie nicht so gut rüberkamen, die allerdings dennoch dem Publikum sehr gefielen. Es hängt also vieles auch von unserer Selbstkritik ab. Im Grunde geht es darum, dem Publikum ein gutes Erlebnis zu bieten. Das ist uns gelungen, also müssen wir damit zufrieden sein. Momentan haben wir noch nicht viel Auswahl, also sind wir irgendwie an das Material, das wir haben, gebunden. Doch ich denke, dass nach dem nächsten Album wahrscheinlich einige Songs ersetzt werden.

Live zu spielen inspiriert mein Songwriting nicht wirklich, sondern ich ziehe meine Inspiration aus anderen Quellen.

Ihr habt HELVITNIRs Auftritt beim Spetakkel-Festival im November angekündigt, was zeichnet sich sonst noch in Eurem Lager ab? 

Wir sind außerdem für das "Summoning Of Darkness" in Stockholm im Oktober gebucht. Darauf freuen wir uns schon sehr. Die Buchungen liefen bisher sehr schleppend. Wir waren etwas spät dran, sodass wir fast zwei Jahre verpasst haben. Die Festivals werden ein Jahr im Voraus gebucht, und als wir letztes Jahr begannen, uns zu bewerben, war es bereits zu spät. Wir hoffen, dass sich nächstes Jahr mehr ergeben wird.

Wir hoffen, im Herbst dieses Jahres ins Studio zu gehen. Wir haben auch ein paar Cover-Songs arrangiert, die einige vielleicht überraschen werden.

Nochmals vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast und alles Gute mit HELVITNIR – wir sehen uns auf dem helvegr!

Danke für das Interview!

Thor Joakimsson (Info)
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