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Richard Neuberg: The Vine (Review)

Artist:

Richard Neuberg

Richard Neuberg: The Vine
Album:

The Vine

Medium: LP/Download
Stil:

Folk-Noir, Artpop, Singer/Songwriter, Blues

Label: Eigenproduktion
Spieldauer: 43:31
Erschienen: 29.05.2026
Website: [Link]

„That everything dark is light, it's how we dream it
You thought you'd lost the fight
But you were only waiting for the light to come in“

Es gibt eine berühmte Textzeile von Leonard Cohen (letztlich ja eine von vielen berühmten Lyrics), die er in seinem Lied "Anthem" mit diesem unvergleichlich tiefen Bariton singt: "There is a crack, a crack in everything, that's how the light gets in." Darauf bezieht sich RICHARD NEUBERG im Opener seines ersten Soloalbums "The Vine" - und erweist sich nicht nur deswegen als herausragender Cohen-Erbe. Es ist der Auftakt einer phänomenalen Platte, die man bitte nicht als Party-Starter auflegen sollte (die Melancholie der elf Songs kann niederschmetternd wirken), ansonsten aber auf keinen Fall verpassen sollte. Was leider leicht passieren kann, ist dies doch ein Album im Eigenvertrieb des Künstlers über Bandcamp.




"The Vine" ist ein Meisterwerk, das jeden Verehrer von Leonard Cohen (siehe oben - diese Texte!), Nick Drake (diese Streicher-Arrangements!), Richard Hawley (diese Stimme!), aber auch von aktuell angesagten Singer/Songwritern wie Nick Cave, Bill Callahan oder Matt Berninger (The National) in Bann ziehen dürfte. Doch wer ist denn nun dieser Engländer RICHARD NEUBERG, der scheinbar aus dem Nichts mit einem so grandiosen Album auftrumpft?
Ältere Fans von Folk-Noir und Gothic-Americana kennen vielleicht noch seine Band VIAROSA, die in den Nuller-Jahren zweieinhalb Platten veröffentlichte (auf Bandcamp noch digital erhältlich). Von Kritikern hoch gelobt und stilistisch "like The Birthday Party doing Johnny Cash" eingeordnet, verschwanden die Oxforder dennoch irgendwann still und heimlich von der Bildfläche.


Mit seinem Solo-Debüt nach langer Pause (zuletzt leider vor allem krankheitsbedingt wegen des Fatigue-Syndroms ME/CFS) bezieht sich RICHARD NEUBERG nun nur noch in Spurenelementen auf den Viarosa-Sound. Er entwickelt stattdessen eine eigene Singer-Songwriter-Vision mit intensiven, zerbrechlichen Liedern, die von seiner virtuos gezupften Gitarre, den an Nick Drakes Folk-Klassiker "Five Leaves Left" gemahnenden, von Johnny Parry arrangierten Strings, etwas Chorgesang und warmen, weichen Leadvocals geprägt sind. Diese ohne Schlagzeug auskommenden Lieder (nur "Hide And Seek" ist in einem etwas flotteren Tempo gehalten) brauchen kein bisschen mehr als die reduzierte Besetzung, jede zusätzliche Opulenz hätte ihre Magie gefährdet.


"Das Schreiben des Albums erstreckte sich über eine Übergangsphase, in der ich als Songwriter zu einer anderen Art von Stimme gefunden habe", bestätigt NEUBERG in einem aktuellen Interview des Magazins "Songwriting" (Mai 2026). "Nach Viarosa war ich auf der Suche nach einer neuen Sprache für mein Songwriting, aber das hat einige Zeit gedauert, und dabei ist viel Material verworfen worden. Meine alte Art zu schreiben kam mir zu bekannt und zu vertraut vor, und ich musste mich in jeder Hinsicht mehr herausfordern: Instrumentierung, Melodie, Text …"

Die Richtungsänderung zu einer neuen "core identity" des RICHARD NEUBERG mündete in Liedern, die dunkel schimmern und gerade in ihrer intimen Kargheit berühren. Man spürt in den zum Teil schmerzhaft traurigen Melodien, aber auch in den sensiblen Texten von "The Vine", dass dieser Musiker seit dem Viarosa-Split keine leichten Jahre hinter sich hat. Ohnehin immer wieder von familiären Tragödien betroffen, teilte er das Schicksal ungewollter Kinderlosigkeit mit seiner Ehefrau Emma (die nun das prächtige Cover-Artwork des Soloalbums schuf), und er wurde durch seine schwere Krankheit zu Kreativpausen gezwungen. Insofern ist auch völlig unklar, wie es nach dieser Platte weitergeht.


"Eigentlich habe ich seit der Verschlechterung meines Gesundheitszustands nur sehr wenig geschrieben“, sagt der bei Oxford lebende britische Songwriter. "Ich hatte ein weiteres Album so gut wie fertiggestellt, bevor es mir schlecht ging, und habe in der Anfangsphase der Krankheit noch ein wenig daran gearbeitet. Aber seit mehreren Jahren kann ich eigentlich gar nicht mehr Gitarre spielen; die Anstrengung bringt mich an meine Grenzen und löst unerträgliche Symptome aus, selbst wenn ich nur kurz spiele." Aber so wie die "The Vine"-Songs immer wieder von Hoffnungsschimmern durchdrungen sind, sieht NEUBERG auch für seine künstlerische Zukunft nicht komplett schwarz:  „Natürlich hoffe ich sehr, einen Weg zurück zum Spielen und zum Songwriting zu finden. Das ist es, was meinem Leben Sinn gegeben hat."

Trösten wir uns also erst einmal mit diesem zum Niederknien schönen Artpop/Folk-Album, mit erhabenen Streicherballaden wie "Saltwater", "The Fever", "Better Ways To Mend" oder "A History" (der einzige nicht zutiefst persönliche Song, es geht darin laut RICHARD NEUBERG um "das Votum, das Debakel und die Tragödie des Brexit"). Mit Liedern wie dem mediterran anmutenden Walzer "Bells And Whistles", dem nur zweiminütigen Akustik-Juwel "Prayer Wheel", dem von afrikanischen Blues-Elementen durchwirkten, an The Barr Brothers erinnernden Closer "Weed Out The Vine". Diese sensationelle Platte wird bleiben, selbst wenn fürs erste kein Nachfolger in Sicht ist.


FAZIT: Wenn es am Jahresende um die schönste Musik geht, die 2026 erschienen ist, sollte dieses bisher nicht von einem Label betreute Self-Release-Album auf der Liste weit oben stehen. Denn wie der Brite RICHARD NEUBERG auf "The Vine" in elf melodiesatten Liedern, die nicht mehr benötigen als seine warme Baritonstimme, Gitarre und Streicher, das Herz des Hörers berührt, lässt sich kaum toppen. Dass diese Platte mit den Stil-Koordinaten Leonard Cohen, Nick Drake, Richard Hawley und Nick Cave niemals auch nur in die Nähe von Kitsch gerät, ist ein kleines Wunder. Dabei hätte NEUBERG Grund, auf die Tränendrüse zu drücken, könnte dieses erste Soloalbum wegen gesundheitlicher Probleme doch sein letztes sein. Hoffen wir, dass es anders kommt.

Werner Herpell (Info) (Review 40x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 14 von 15 Punkten [?]
14 Punkte
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Tracklist:
  • Everything Dark Is Light
  • Saltwater
  • Crow Needs The Pine
  • Gold In The River
  • Hide And Seek
  • The Fever
  • Bells And Whistles
  • Better Ways To Mend
  • A History
  • Prayer Wheel
  • Weed Out The Vine

Besetzung:

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